Gott fliegt Einleiner

veröffentlicht 07.09.2026 von T. Günther, Ev. Kirchengemeinde Alsfeld

Grüß Gott! Eine Andacht und Gedanken zum Herbst

Grüß Gott!

Es hat sich ja bei vielen inzwischen herumgesprochen: meine Frau und ich mögen die Nordsee – und seit Jahrzehnten zieht es uns immer wieder nach Schillig im Wangerland. Auch diesen Sommer waren wir wieder dort – und weil es dort eine schöne große Drachenwiese gibt und dieses Jahr an unserem letzten Urlaubswochenende wieder das jährlich dort stattfindende Drachenfest zu bestaunen war, bin ich an einen Gedanken erinnert worden, der mir schon vor einigen Jahren einmal gekommen ist: „Gott fliegt Einleiner!

Wer sich einmal mit dem „Drachenfliegen“ beschäftigt hat, weiß, es gibt viele verschiedene Drachen, die man „steigen lassen“ kann, wie man das früher genannt hat. Neben dem bei uns klassischen Drachen in Form einer gestreckten Raute, gibt es sehr viele verschiedene Formen und Arten von Drachen. Im Kern aber lassen sich meines Wissens nach alle diese Drachen auf 3 Grundarten zurückführen, je nachdem, wieviele Leinen sie haben: 1-Leiner, 2-Leiner oder 4-Leiner.

Das schöne an den Drachen mit 2 Leinen ist, dass man sie sehr gut - und noch mehr mit 4 Leinen auch sehr genau – steuern kann: Wer es beherrscht kann wunderbare Tricks damit fliegen: z.B. so, dass sich ein 2-Leiner Drache in der Schnur einwickelt oder auf seinem Rücken schwebt oder in der Gruppe gekonnter „Piloten“ eine richtige Choreographie mitfliegen kann. Sieht toll aus. Und einen 4-Leiner-Drachen kann der erfahrene „Pilot“, wie sich die Menschen, die den Drachen „steigen lassen“ inzwischen nennen, an jeden Punkt im Windbereich stellen, wo er will: z.B. auf einen Pfosten oder er kann ihn wie einen Propeller kreiseln lassen. Für mich ist das alles immer wieder sehr beeindruckend: die bunten Flächen verhalten sich geradezu wie Marionetten in den Händen ihrer Piloten – und Kinder sind immer wieder begeistert und wollen auch „so einen Drachen“ haben – und ich glaube sie meinen damit: „den kann ich dann ganz nach meiner Laune tanzen lassen“, oder: „da bin ich der Bestimmer!“. Verständlich.

Meine These aber lautet: „Gott fliegt Einleiner!

Was meine ich damit? Die 1-Leiner-Drachen hängen, wie der Name schon sagt, nur an einer Leine, einer Schnur. Diese wird am Boden vom Piloten gehalten oder oft auch mit einem Anker am Boden festgemacht. Ich kann ihn nicht oder kaum steuern, höchstens die Neigung der Windstärke entsprechend anpassen. Bei Wind steht der Drache einfach in der Luft. Vielleicht freut er sich noch, wenn er einen Schwanz hinter sich her ziehen kann, der ihn nicht nur noch schöner aussehen lässt, sondern ihm auch noch ein bisschen mehr Stabilität im Wind gibt. Ansonsten ist er ganz dem Wind, seiner Stärke und Richtung und Böen ausgesetzt. Er bewegt sich, wenn der Wind sich ändert – er steht still, wenn der Wind gleichmäßig ist – steigt steiler in die Höhe oder schwankt, wenn der Wind auffrischt und er sinkt langsam, wenn der Wind abflaut. Bei Windstille liegen (fast) alle Drachen auf dem Boden.

Mein Gedanke: „Gott fliegt Einleiner!

Gott ist kein Marionettenspieler, der uns Menschen ganz nach seiner Pfeife tanzen lässt; der den einen Menschen hochsteigen, den andern kreiseln lässt und den nächsten auf den Kopf stellt oder auf den Rücken legt. Auch wenn wir das alles im Leben erfahren: ich glaube nicht, dass Gott das „macht“. Ich erlebe vielmehr, dass er mir in all diesen Lebenslagen den Halt gibt, den ich brauche, um nicht zum fremdgesteuerten Spielball der Situationen zu werden. Der Gott, der mir in Jesus begegnet, gibt mir Halt: in den Stürmen, den Flauten, den Hoch- und Tiefzeiten, in Winden und Ängsten der Zeitgeister, die gerade wehen. Der Glaube an diesen Gott gibt mir Halt und Spielraum – er gibt Halt ohne einzusperren! Der Wind kann drehen und ich kann neue Überzeugungen, Einsichten annehmen ohne mich darin zu verlieren. Im Johannes-Evangelium sagt Jesus einmal „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“. Ja, ich habe schon einige Wohnungen von Leid und Schmerz bis Freude und Jubel kennenlernen und erfahren dürfen und müssen – und andere können noch kommen. Und doch bleibt die Zusage der Liebe und Verbundenheit Gottes, immer die gleiche: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes. 43,1). Und im Epheserbrief weißt Paulus darauf hin: „Wir sollen nicht mehr wie unmündige Kinder sein – ein Spielball von Wind und Wellen im Meer zahlreicher Lehren. Sie sind dem falschen Spiel von Menschen ausgeliefert, die sie betrügen und in die Irre führen. Dagegen sollen wir uns an die Wahrheit halten und uns von der Liebe leiten lassen.“

Ja, denke ich: „Gott fliegt Einleiner!“: Er gibt Halt und Orientierung im Wechsel der Zeiten und Erfahrungen – und er gibt die Freiheit mich so anzupassen und zu entwickeln, wie es mir im Rahmen seiner Liebe zu allen Menschen entspricht. Vielleicht haben Sie ja Lust bekommen, im Herbst mal wieder einen Drachen steigen zu lassen – und dabei den Gedanken von Halt und Freiheit Raum zu geben.

 

Einen guten Herbst wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Theo Günther